TCM – was ist das eigentlich?

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Februar 12, 2020

Akupunktur, Tai Chi, Qi Gong – diese TCM-Begriffe sind Dir in Deinem Alltag bestimmt schon öfter begegnet. Doch die TCM ist viel mehr als nur ein Trendthema, das vor ein paar Jahren nach Deutschland gekommen ist. Diese therapeutischen Methoden sind schon mehrere tausend Jahre alt und haben ihren Ursprung in China.

Vielleicht hast Du Dich auch gefragt, was TCM eigentlich genau bedeutet. In diesem Blogartikel erfährst Du, was die chinesische Medizin von der Schulmedizin unterscheidet und wie sie Dir in Deinem Alltag und bei Beschwerden helfen kann.

Was bedeutet TCM?

TCM steht als Abkürzung für Traditionelle Chinesische Medizin, wobei das Wort „traditionell“ in China weggelassen wird. Dort hat sich diese Heilkunde vor etwa 2.000 Jahren entwickelt, als Ärzte angefangen haben, die Natur und den Menschen zu beobachten. Es handelt sich bei der TCM also um eine Erfahrungsheilkunde.

Was mich an der chinesischen Medizin fasziniert, ist der ganzheitliche Ansatz. Der Mensch wird immer zusammen mit der Natur und dem Kosmos betrachtet. Alles ist im Fluss und eng mit den Jahreszeiten und den Lebensphasen verbunden. Wenn Du Beschwerden hast, wie Schlafstörungen, Rückenschmerzen oder Übelkeit, ist das in der TCM lediglich ein Ausdruck, dass bei Dir etwas aus der Balance geraten ist.

Ein Zeichen, genauer hinzuschauen, wo die Ursache für diese Disharmonie liegt. Überhaupt geht es in der Traditionellen Chinesischen Medizin viel mehr um die Ursachen von Erkrankungen als um die Behandlung von Symptomen. Das Gute daran: Was aus der Balance geraten ist, lässt sich oft auch wieder in Balance bringen. Du musst Dich nicht mit Diagnosen abfinden, sondern hast vieles durch Deinen Lebensstil selbst in der Hand. Die Ressourcen sind alle in Dir. TCM-Verfahren wie Akupunktur, Kräutermedizin und TCM-Ernährung können Dich dabei unterstützen.

Die 5 Wandlungsphasen in der TCM

Die fünf Wandlungsphasen, die die alten Chinesen in der Natur beobachtet haben, trägt auch der Mensch in sich: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. In Bezug auf den menschlichen Körper beschreiben sie auch unterschiedliche Charaktere und Konstitutionen. Meistens überwiegt eines der Elemente in uns, was sich auf Deinen Körperbau und Dein Wesen mit seinen Stärken und Schwächen auswirkt. Außerdem werden die Organe und Gewebe, Körperflüssigkeiten und Strukturen den einzelnen Wandlungsphasen zugeordnet.

Selbstständige Frauen haben oft viel Feuer und Holz. Sie arbeiten viel und hart, sind neugierig und zielstrebig und neigen dazu, sich selbst zu überfordern. Der Konstitutionstyp ist auch abhängig von den Jahreszeiten und den Lebensphasen. Schließlich sind wir Teil der Natur. Er ändert sich jedoch nicht grundlegend. Bei der Bestimmung Deiner vorherrschenden Wandlungsphase geht es aber nicht darum, Dich in eine Schublade zu stecken. Wenn Du Deinen Konstitutionstyp kennst, kannst Du Dich selbst besser verstehen und das für Dein Wohlbefinden und Deine Gesundheit nutzen.

Was die TCM von der Schulmedizin unterscheidet

Als TCM-Ärztin und Allgemeinmedizinerin kenne ich beide Welten – die östliche und westliche Medizin – und ihre Unterschiede gut. Einer der wesentlichen ist die Ganzheitlichkeit. In Deutschland haben wir viele verschiedene Fachärzte, die sich um ihr Fachgebiet kümmern. Da bleibt kaum Platz, über den Tellerrand zu schauen oder sich gar um die psychischen Ursachen von körperlichen Erkrankungen zu bemühen.

Die TCM betrachtet immer Körper, Geist und Seele. Sie geht grundsätzlich davon aus, dass wir verschiedene Zustände durchleben, die uns zeigen, wo wir genauer hinschauen dürfen. Wenn es Dir körperlich schlecht geht, ist das ein Schrei Deiner Seele durch den Körper. Die Seele nutzt den Körper als Sprachrohr. Und die Körperregion, in der Du Beschwerden hast, weist darauf hin, welche Themen Du Dir anschauen solltest. Diese Bewusstheit muss aber erst entstehen, bevor Du Dich selbst in Balance bringen kannst.

Gesund bleiben statt krank werden

Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen der TCM und der Schulmedizin ist, wann, wo und wie sie ansetzt und aufhört. Die Schulmedizin ist eine Art Notfallmedizin, die Leben rettet oder Knochen zusammenflickt. Sie hört in der Regel auf, wenn die Gefahr gebannt ist. Es werden Medikamente gegen einzelne Symptome verabreicht, aber es wird nicht nach den Ursachen geschaut, warum der Mensch aus der Balance geraten ist.

Die chinesische Medizin schaut dagegen nach dem Warum von Krankheiten und setzt viel früher an. Wenn Beschwerden noch nicht krankhaft sind. Es geht darum, gesund zu bleiben, statt erst krank zu werden. Das bedeutet aber auch für die Patientin, dass sie die Verantwortung für sich und ihre Gesundheit übernimmt. Du solltest nicht mit der Erwartungshaltung zum TCM-Arzt gehen: „Bitte, mach mich wieder heile“.

Was für Dich auch neu sein wird, wenn Du zum ersten Mal zu einer TCM-Ärztin gehst: Das Erstgespräch dauert nicht nur ein paar Minuten, sondern kann gut eine Stunde in Anspruch nehmen. Es wird mehr gesprochen, Dir mehr zugehört, mehr untersucht. Das Erstgespräch ist meist schon der Beginn der Heilung. Weil Dir endlich jemand zuhört.

Frau mit Verdauungsbeschwerden

Bei welchen Beschwerden und Krankheiten die TCM hilft

Meine Patientinnen kommen zum Beispiel mit Beschwerden wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Unruhe, Schwindel, Verdauungsproblemen oder Menstruationsunregelmäßigkeiten zu mir. Aus schulmedizinischer Sicht haben diese oft noch keinen Krankheitswert, beeinträchtigen aber die Lebensqualität. In meine Praxis kommen auch Kinder und Jugendliche, die oft sogar schneller auf die Behandlungen reagieren.

Die TCM kann bei Schnupfen genauso helfen wie bei chronischen Erkrankungen, zum Beispiel Rheuma. Was die chinesische Heilkunde nicht kann: Sie heilt keine Knochenbrüche oder Tumore. Dafür ist erst mal die Notfallmedizin zuständig. Die TCM kann aber in der Begleitung und Nachsorge sämtlicher Krankheiten eingesetzt werden.

Die chinesische Medizin im westlichen Alltag

Als naturphilosophische Betrachtungsweise gilt die Traditionelle Chinesische Medizin universell. Denn sie beschäftigt sich mit grundlegenden Themen wie Ernährung, Bewegung, Entspannung und der Lebenseinstellung. Das sind alles Themen, die gerade in unserem westlichen Alltag eine Rolle spielen.

Die TCM kann Dir in vielen Bereichen helfen, etwa wenn Du …

  • Dich überfordert fühlst
  • gestresst bist
  • Dich gesund ernähren willst
  • überlegst, eine Familie zu gründen
  • daran zweifelst, ob Du den richtigen Job hast
  • individuelle Antworten auf große Lebensfragen suchst

In der chinesischen Medizin gibt es viele verschiedene Methoden, um jeden abzuholen, der körperlich, geistig und emotional etwas für sich tun will. Menschen, für die es mehr gibt als nur das, was man mit den Händen greifen kann. Die chinesische Naturheilkunde kann auch eine Alternative sein, wenn die Schulmedizin an ihre Grenzen geraten ist oder Du eine Begleitung zu ihr suchst.

Dr. Nina Roy bei Moxabustion

Behandlungsmethoden der Traditionellen Chinesischen Medizin

Die ganzheitliche Betrachtungsweise wird bei der chinesischen Medizin auch in den Therapieformen sichtbar. Es geht immer darum, das Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele wiederherzustellen. Die TCM-Therapeutin kann auf folgende Behandlungsformen zurückgreifen:

  • Akupunktur: Die Akupunktur wird bei jeglichen Arten von Schmerzen eingesetzt, löst Blockaden und optimiert den Energiefluss. Wenn Dir zum Beispiel übel ist, fließt die Energie in die falsche Richtung. Akupunktur kann dann den Energiefluss umlenken. Die Akupunktur-Nadeln wirken dabei nicht nur auf der körperlichen Ebene, sondern auch auf der emotionalen und unterbewussten Ebene. Wenn Du aber nichts an Deinem Lebensstil änderst, hält die Wirkung nur für kurze Zeit an.
  • Gua Sha: Bei dieser alten Schabetechnik schabt die Behandlerin mit Gua-Sha-Kämmen aus Jade- oder Büffelhorn oder Holz über das verklebte Faszien-, Muskel- und Bindegewebe. Besonders eignet sich hierfür der gesamte Rücken. Entlang der Wirbelsäule, um die Schulterblätter und im Schulter-Nackenbereich ist oftmals Energie gestaut. Aber keine Angst: die Haut wird dabei nicht verletzt. Trotzdem entstehen oft kleine Blutergüsse unter der Haut. Die ersten Behandlungen tun zwar etwas mehr weh. Es stellt sich aber auch ein erleichterndes Gefühl, ein warmes Durchblutungsgefühl ein. Wenn die Patientinnen auf den anderen Ebenen mitarbeiten (Ernährung, Bewegung, warme Kleidung etc.), können schon zwei bis drei Gua-Sha-Behandlungen genügen.
  • Schröpfen: Wie Gua Sha ist das Schröpfen eine alte Faszienbehandlung, die bei Verspannungen und Muskelprellungen angewendet wird. Sie wirkt punktueller und tiefer als Gua Sha. Schröpfen ist allerdings nicht zu empfehlen, wenn Du Blutgerinnungsprobleme hast oder blutverdünnende Medikamente nimmst.
  • Moxibustion: Unter Moxibustion versteht man das Abbrennen von getrocknetem Beifuß. Beifuß ist ein energetisch warmes Kraut, das durch Trocknung und Abbrennen noch wärmer wird. Bei Energieblockaden brauchen wir Wärme, die die Energie wieder transportiert, sie zum Fließen bringt. Die sogenannten Moxakästen werden auf den Unterleib oder Bauchnabel gesetzt. Denn diesen Regionen fehlt es oft an Wärme. Der TCM-Arzt kann auch Moxazigarren zur Selbstanwendung zu Hause verschreiben.

Weitere bekannte Methoden der TCM

  • Tuina-Massage: Die Tuina-Massage ist keine Wohlfühlmassage. Ähnlich wie die Akupunktur optimiert sie den Energiefluss und löst Verspannungen. Sie ist allerdings nicht invasiv und wird deshalb auch bei Kindern und älteren Menschen angewendet.
  • Qi Gong, Tai Chi und andere Bewegungs- und Atemübungen: Bei den chinesischen Bewegungs- und Atemübungen wie Qi Gong und Tai Chi geht es darum, den Chi-Fluss zu üben. Die sanften Bewegungsabfolgen helfen Dir dabei, Dich und Deine Energie wieder besser zu spüren. Die feinste Bewegung ist die Atmung, die Du durch Atemübungen richtig lernst.

Frau praktiziert Tai Chi in der Natur

  • TCM-Ernährung: Die TCM-Ernährung orientiert sich an der Saison und den regionalen Begebenheiten. Das heißt, wer in Norddänemark lebt, sollte sich nicht von Südfrüchten ernähren. Sondern das essen, was es in einem Umkreis von etwa 100 Kilometern gibt: hauptsächlich Obst und Gemüse, wenig tierische Produkte, viel Suppe und verarbeitetes Getreide. Eine weitere Säule der TCM-Ernährung ist die warme Ernährung: Du solltest keine Tiefkühlkost oder Eingefrorenes zu Dir nehmen, lieber frisch und warm kochen und warmes Wasser trinken. Zusammen mit vielen Kräutern und Gewürzen, die der Verdauung helfen, lindert das Verdauungsbeschwerden.
  • Kräutermedizin: Wurzeln, Blätter, Blüten und Kräuter spielen in der chinesischen Medizin eine wichtige Rolle. Du kannst sie als Tinktur, Tee oder gepresste Tabletten zu Dir nehmen, wenn Du etwa unter Blutmangel, Verdauungsbeschwerden, Hautekzem, trockener Haut, Schlaflosigkeit oder Menstruationsbeschwerden leidest. Ich empfehle Dir, nicht irgendwas im Internet zu bestellen, sondern zu einem TCM-Arzt zu gehen, der Dir die richtigen Kräuter auf Rezept verschreibt. Nicht zuletzt kann der Behandler auf europäische Kräuter zurückgreifen, um auch hier dem Prinzip der Regionalität zu entsprechen.
  • Meditation: Bei der Meditation gibt es kein Richtig oder Falsch. Du musst nicht esoterisch oder spirituell gesinnt sein oder die ganze Zeit im Schneidersitz verweilen. Vielmehr geht es um eine Innenschau, eine Bestandsaufnahme des Momentes. Besser zu spüren, wie Deine Emotionen entstehen, bewusst zu atmen, runterzufahren, bestimmte Dinge in Deiner Umwelt wahrzunehmen, Dich zu fokussieren. Du kannst dabei stehen, sitzen, liegen oder gehen, zum Beispiel bei einem Spaziergang in der Natur. Meditation bedeutet nicht, dass Du in jeder Situation cool bleiben musst und nur noch dauergechillt durch Deinen Alltag gehst. Das ist ein Missverständnis, dem ich häufig begegne.

Wann tritt die Wirkung bei der TCM ein?

Wann Du eine Wirkung spürst, hängt zum Beispiel davon ab, wie fortgeschritten Deine Symptome schon sind. Bei einem Schnupfen kann die TCM schneller helfen als bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma. Das heißt nicht, dass Du nicht schon eine Besserung merkst.

Es liegt aber auch viel an Dir selbst, wie gut Du mitarbeitest. Ob Du der Behandlung gegenüber offen bist und wie Du der TCM-Therapeutin gegenüberstehst. Die Harmonie mit der Behandlerin ist wichtig. Wenn Du das Gefühl hast, sie ist nicht gut für Dich, dann folge diesem Gefühl und such Dir eine andere.

Die meisten Menschen brauchen eine Weile, bis sie verstehen, worum es bei ihnen wirklich geht. Die TCM ist also nicht vergleichbar mit der Tablette, die Du nimmst und die Symptome sind weg. Dafür geht sie tiefer und wirkt nachhaltiger. Wenn Du die Verantwortung für Dich und Deine Gesundheit übernimmst.